So viel prominente Besucher sah die Galerie Villa Bösenberg in Gohlis lange nicht: Bei der Eröffnung der Ausstellung von Ursula Mattheuer-Neustädt am Donnerstagabend schaute unter anderem Leipzigs Alt-OBM Hinrich Lehmann-Grube in der Erfurter Straße 4 vorbei. Auch die Schriftsteller Erich Loest und Werner Heiduczek, Kunstmäzen Freiherr Wolf-Dietrich Speck von Sternburg, die Maler-Witwe Brigitte Tübke sowie Ex-Planungsbeigeordneter Niels Gormsen kamen, um Leipzigs derzeit bedeutendster Künstlerin - wie es in der Laudatio hieß - die Referenz zu erweisen. Zu sehen gab es eine kleine Sensation: Ausstellungsmacherin Jutta Schrödl ist es gelungen, 115 Bilder der Maler-Witwe Ursula Mattheuer-Neustädt zu zeigen. Einige davon hingen bislang im Wohnzimmer von Wolfgang Mattheuer, viele andere waren noch nie öffentlich zu sehen. [...]
"Ich hatte immer geglaubt, dass ich alle Arbeiten von Ursula Mattheuer-Neustädt
kenne. Dabei stimmt das gar nicht, wie ich jetzt bei dem Galerie-Rundgang durch ihre Ausstellung konstatieren muss. Ich
bin sehr beeindruckt von ihrer künstlerischen Vielfalt", erklärt Literaturwissenschaftler Prof. Manfred Diersch in der
Gohliser Villa Bösenberg. Auch Schriftsteller Erich Loest und Komponist Prof. Dr. Ottomar Treibmann, der unter anderem
zwei Cellostücke für Wolfgang Mattheuer geschrieben hat, entdecken in jedem der Ausstellungsräume unter den 115 Bildern
der derzeit bedeutendsten Leipziger Künstlerin immer wieder für sie Neues.
"Wolfgang hat sie mit mir gemeinsam ausgesucht", erzählt sie, dabei liebevoll das Porträt ihres geliebten Mannes
streichelnd, der vor acht Monaten plötzlich verstarb. "So sah Wolfgang als Student 1946 aus, als wir uns kennen
lernten." Etwas verloren steht sie inmitten des Raumes, dem sie ihren Mann widmet, obwohl sich Besucher vor den hier zu
sehenden 36 Bildern drängen: Mattheuer am Küchentisch, Mattheuer beim Lesen, Mattheuer bei der Gartenarbeit, Mattheuer
beim Strandurlaub in Binz ... Intime Einblicke in ein langes gemeinsames Leben, festgehalten von der Künstlerin und
Ehefrau. Die Frage des Schriftstellers Werner Heiduczek, guter Freund der Mattheuers, ob sie wieder male, verneint sie.
Sie könne es einfach noch nicht. Der Tod von Wolfgang habe sie zutiefst getroffen.
Dr. Renate Hartleb bezeichnet Ursula Mattheuer-Neustädt in ihrer Laudatio als eine tiefsinnige Künstlerin, die mit
lyrischer Zartheit ihren Blick auf die Welt dem Betrachter näher bringt.
Galeristin Dr. Jutta Schrödl ist glücklich, dass so viel Prominenz gekommen ist. So der ehemalige Leipziger
Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube, Kunstmäzen Freiherr Wolf-Dietrich Speck von Sternburg, der einstige
Klinikdirektor und Chefarzt des Diakonissenhauses Prof. Dr. med. Christian Tauchnitz und die Witwe des Malers Wolfgang
Tübke ... "Ich freue mich, Ihnen Arbeiten einer Künstlerin zu zeigen, die vor 58 Jahren aus dem Vogtland nach Leipzig
kam und hier gemeinsam mit Wolfgang Mattheuer "festwurzelte", erklärt Ausstellungsmacherin Dr. Jutta Schrödl. [...]
"Wir wussten, was wir uns gegenseitig zu verdanken hatten, ich ihm und er mir",
sagt Ursula Mattheuer-Neustädt. "Wir hatten eine völlig gleichberechtigte Beziehung."
Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie spüren lässt, wie schwer der Verlust ihres Mannes für sie wiegt. Sie ist
diszipliniert, als Frau ebenso wie als Künstlerin. Doch seit dem Tod von Wolfgang Mattheuer im April dieses Jahres hat
sie keinen Zeichenstift mehr in die Hand genommen: "Mir fehlt noch die Kraft dazu".
Die Anstrengungen für die Ausstellung mit 115 ihrer Arbeiten aus mehr als fünf Jahrzehnten in der Villa Bösenberg hat
sie nicht gescheut. "Über den Plan dazu haben wir wenige Tage vor seinem Tod gesprochen. Wolfgang hat sich darüber
gefreut und mich sehr ermuntert", erklärt sie.
Wer Mattheuer kannte, weiß, dass er zornig werden konnte, wenn er seine Frau in seinen Schatten gestellt sah. Dass dies
immer wieder mal geschah "liegt sicher auch daran, dass die Zeichnung weniger wahrgenommen wird als die Malerei, man
muss schon genauer hinsehen", urteilt Ursula Mattheuer-Neustädt.
Der Blick auf ihre Arbeiten offenbart sensible Beobachtungsgabe und handwerkliche Perfektion. Feinst gesponnen sind die
Gedanken wie die Linien von Bleistift oder Kugelschreiber, detailgenau und in den Tonwerten nuancierend. Ob die
Talsperre in Pöhl nach einem trockenen Sommer (2002), die dramatischen Wolkengebirge im Montafon (1984) oder das
Hochwasser im Elstertal (1986), stets sind ihre Landschaften auch Reflexionen der Innerlichkeit, die Erkanntes und
Erlebtes verdichten.
Die Wahl der von ihr porträtierten Dichter reicht von der Klassik bis zur Gegenwartsliteratur und scheint nichts
allgemein Verbindendes zu haben. Die Ausstellung zeigt die Arbeiten über Friedrich Hölderlin, Gertrud Kolmar und
Ingeborg Bachmann.
"Was ihnen gemeinsam ist, ist eine gewisse Übereinstimmung mit meinem Selbstgefühl", erklärt Ursula Mattheuer-Neustädt.
Die Gedichte, die sie zu den Zeichnungen geschrieben hat, sind der Versuch, Erfahrungen doppelt ablesbar zu machen, die
sich hinter einer tiefgründigen Symbolik verbergen.
Schon als Schülerin an einem Mädchengymnasium ist ihr das Schreiben wichtig gewesen - und ist es bis heute geblieben.
"Um etwas Nützliches zu machen, wollte ich Architektin werden", sagt die Künstlerin. Die Aufnahme-Prüfung bei
Professor Henselmann in Weimar war schon bestanden, als sie sich kurzerhand entschloss, an der Kunstgewerbeschule in
Leipzig zu studieren. Sie war 20 Jahre alt, als sie dort dem Kommilitonen Mattheuer begegnete. "Er sah mich zuerst nur
von hinten. Wie ich statt zu sitzen auf einer Bank kniete, das hat im gefallen", erinnert sie sich.
Wenig später hat sie ihn und sich selbst porträtiert. Eine schöne, zarte junge Frau, die für ihr Alter viel zu ernst
wirkt. "Wir waren vom Temperament ganz unterschiedlich", sagt sie. "Er war gesellig und hat das Gespräch gesucht, seine
Streitbarkeit hat sich auch in der Dramatik seiner Bilder ausgedrückt. Ich bin eher verschlossen", urteilt sie. "Von
unserer ersten großen Reise in die Sowjetunion kam er mit acht kleinen, fast fertigen Bildern zurück, ich nur mit einem
Skizzenbuch."
In den mehr als fünf Jahrzehnten ihrer Ehe hat sie ihren Mann immer wieder still beobachtend gezeichnet: W. M. beim
Frühstück, an der Staffelei, im Liegestuhl, am Badestrand, im Gebirge und im Garten. Nur wenige dieser intimen
Einblicke sind bislang öffentlich gezeigt worden. Die Ausstellung widmet diesen 36 Blättern einen eigenen Raum.
"Wir hatten für dieses Jahr wieder eine große Reise geplant", sagt sie leise. Es bedeutet ihr ein großes Glück, als
Mann und Frau und als Künstlergemeinschaft trotz aller Unterschiedlichkeit so nah beieinander gewesen zu sein. Aber
diese Ausstellung ist keineswegs ein Requiem, vielmehr eine umfassende Sicht auf ein sehr lebendiges Werk.